‚ehrenhalber‘ – TKI open 06

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Sendungen zum Thema ‚Verbrechen im Namen der Ehre‘

Hintergrund

Im März 2004 wurde im Zillertal die 20 jährige Layal M.
von ihrem Bruder mit 14 Messerstichen getötet.
Der 17 jährige gab an er wollte die Ehre der
Familie wiederherstellen, die dadurch,
dass Layal angeblich mehrere
Männerbekanntschaften
hatte in Gefahr schien.

Laut einer Studie des UN-Weltbevölkerungsberichtes werden jährlich ca. 5000 Frauen und Mädchen im Namen der Ehre ermordet. Die Dunkelziffer ist sehr viel höher, da nur die wenigsten Verbrechen öffentlich werden oder vor Gericht verhandelt werden.

Oft als „Selbstmord“ getarnt oder auch von vielen Staaten toleriert, werden diese Morde und ihre Opfer kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen.

In traditionell patriachal geprägten Gesellschaften ist die Ehre der gesamten Familie abhängig vom „richtigen“ Verhalten der weiblichen Familienangehörigen. Verhält sich ein Mädchen / eine Frau nicht gemäß dem traditionellen Frauenbild, verletzt sie die Ehre der gesamten Familie und häufig kann kein Verhalten ihrerseits diese Ehre wiederherstellen.

Nur die Ermordung oder die Verstoßung der „Schuldigen“ kann das bewirken.

Der kleinste Anlass genügt, um die Ehre der Familie in Gefahr zu bringen: Ein Mädchen braucht nur einem Fremden zuzulächeln, oder es muss nur das Gerücht aufkommen, dass, wie bei Layal, eine Frau eine außereheliche Beziehung hat. Zum „Fehlverhalten“ gehört also nicht nur der sexuelle Verkehr außerhalb der Ehe, sondern oft schon der bloße Kontakt oder das Gespräch mit einem Nichtfamilienmitglied, ein kurzer Flirt, ein unerlaubter Blick, die freie Wahl des Partners oder auch das Verlassen des Hauses ohne einen männlichen Begleiter.

Verbrechen im Namen der Ehre werden nicht nur in islamischen Ländern begangen. Sie finden auch in Ecuador, Brasilien, Italien, etc statt. In Österreich und Deutschland geschehen Verbrechen im Namen der Ehre in Familien mit Migrationshintergrund.

Meist hat die betroffene Frau von den weiblichen Familienmitgliedern keine Hilfe zu erwarten, zum Einen, da diese Verbote und moralischen Normen so tief im Bewusstsein eingeprägt sind und Tabubrüche nur sehr selten vorkommen, oder sie wagen nicht, sich über diese Tabus hinwegzusetzten, und zum Anderen, auch sie sind verpflichtet die Familienehre aufrecht zu erhalten.

Anlass für Verbrechen im Namen der Ehre ist auch oft die Weigerung der Frau oder des Mädchens einer Zwangsheirat zuzustimmen.

Zwangsheirat kommt in vielen Gesellschaften und auch in unterschiedlichen Religionsgemeinschaften vor. Man spricht von Zwangsheirat wenn mindestens einer der zukünftigen EhepartnerInnen durch die Anwendung von körperlicher oder psychischer Gewalt zur Ehe gezwungen wird. Häufig werden dazu Mädchen und Frauen aus oder nach Österreich verschleppt, oder deren von der Familie vorgesehene Ehemänner ins Land geholt. Wenn sich die Mädchen weigern, sind sie Beschimpfungen, Drohungen und Prügeln ausgesetzt. Im Extremfall werden sie im Namen der Ehre ermordet.

Über das Ausmaß von Zwangsheirat gibt es keine gesicherten Daten. Die einzigen konkreten Zahlen liefert eine Erhebung des Berliner Senats bei über 50 Jugend- und Beratungseinrichtungen. Demnach sind in Berlin für das Jahr 2002 230 Fälle von Zwangsheirat aktenkundig geworden.

Weiters gaben bei einer Befragung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend der BRD im Sommer 2004 ein Viertel der Befragten an, dass sie ihren Partner vor der Ehe nicht kannten und 17% der Frauen gaben an die Ehe als erzwungen empfunden zu haben.

Auf Nachfrage bei Innsbrucker Jugendeinrichtungen (KIZ, Chill Out) werden Mädchen die von Zwangsheirat betroffen sind nicht statistisch erfasst, ihre Zahl wurde allerdings auf je 4-5 pro Jahr geschätzt.

Schon im Jahr 2003 hat das Parlament der Europäischen Union die Kommission und die Mitgliedstaaten aufgefordert, Maßnahmen gegen diese Verbrechen zu ergreifen. So z.B. Frauen, die von Verbrechen im Namen der Ehre bedroht sind, Asyl zu gewähren, öffentliche Einrichtungen zum Schutz dieser Frauen zu schaffen und nationale Kampagnen in Medien, Schulen und Universitäten zu starten um Verbrechen im Namen der Ehre vorzubeugen.

Geschehen ist bis auf wenige Ausnahmen nichts.

Das Projekt
Mit diesem Hintergrund plant das Freie Radio Innsbruck – FREIRAD ein Radioprojekt, das sechs bis acht mehrsprachige 54minütige Sendungen umfassen soll, die sich des Themas annehmen.

Radiosendungen, weil gerade für Frauen mit Migrationshintergrund das Medium Radio ein sehr zugängliches und auch vielgehörtes ist. Dadurch, dass FREIRAD gut ein Drittel seines Programms schon jetzt als Fremdsprachenprogramm austrahlt gibt es eine breite ZuhörerInnenschaft unter MigrantInnen, und viel aktive RadiomacherInnen mit Migrationshintergrund. FREIRAD fungiert hier jetzt schon als Kommunikationsplattform verschiedenster MigrantInnenvereine und –einrichtungen, sowie als Informationsquelle.

Mehrsprachig, weil mit dem Projekt mehrere Ziele erreicht werden sollen.

Erstens werden betroffenen Frauen und Mädchen Unterstützung und Informationen in ihrer eigenen Sprache erhalten. Sie werden über ihre Rechte sowie Möglichkeiten der Hilfe informiert werden. In ihrer eigen Sprache, weil ein Problem die Erreichbarkeit der betroffenen Frauen und Mädchen darstellt. Oft sind sprachliche Probleme ein Hindernis bei der Suche nach Unterstützung. Ein Mix zum Beispiel aus deutsch, türkisch, kurdisch und serbokroatisch wird gewährleisten, dass Informationen von vielen verstanden werden können.

Zweites soll mit dem Projekt aber auch eine breite öffentliche Diskussion zu der Problematik in Gang gebracht werden, die dazu beitragen soll für die Situation der betroffenen Frauen und Mädchen zu sensibilisieren. Eine Solidarisierung mit Betroffenen ermöglicht diesen einen leichteren Ausbruch aus ihrer Situation.

Die Sendungen werden in einer Form gestaltet, dass sie über den Zeitraum von mehreren Monaten immer wieder gesendet werden können – durch diese Wiederholungen gelingt es möglichst viele Menschen zu erreichen und die Inhalte der Sendungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Weiters wird der Sendeplatz so gewählt, dass möglichst viele Frauen, die von der Thematik betroffen sind, auch die Möglichkeit haben in Ruhe und ungestört die Sendungen zu verfolgen. Angedacht sind Sendeplätze am Vormittag (10:00 bis 11:00, Montag bis Donnerstag). Zu dieser Zeit sind viele Frauen und Mädchen im Haushalt tätig, während ihre Männer und Brüder in der Arbeit sind.

Um die Inhalte der Sendungen zu gestalten wird FREIRAD eng mit verschiedenen Tiroler Frauenprojekten, die sich mit der jeweiligen Problematik befassen, zusammenarbeiten Diese werden dann auch als Expertinnen der jeweiligen Themengebiete die Inhalte der einzelnen Sendungen erarbeiten. Nach Möglichkeit werden in den Sendungen Betroffene zu Wort kommen, wenn dies nicht möglich ist, soll aus biographischen Werken betroffener Frauen zitiert werden.

Produziert werden die Sendungen dann wieder mit organisatorischer und technischer Unterstützung von FREIRAD. Zu diesem Zweck wird FREIRAD jene, die Sendungen gestalten werden, zu RadiomacherInnen ausbilden.

Mögliche Kooperationspartnerinnen:

  • Frauen gegen VerGEWALTigung
  • Tiroler Frauenhaus
  • Ankyra
  • Frauen aus allen Ländern
  • ZemMiT

Mögliche Themen:

  • Zwangsheirat
  • Verbrechen im Namen der Ehre
  • Gewalt gegen Frauen
  • Frauenhandel
  • Frauenrechte
  • Gesundheit / AIDS
  • Genitalverstümmelung

Parallel zu den Sendungen wird ein mehrsprachiger Informationsjingle zum Thema Zwangsheirat produziert werden, der regelmäßig im Programm von FREIRAD laufen wird und so möglichst viele Menschen erreicht, Betroffene über Hilfseinrichtungen informiert, die Öffentlichkeit zu Diskussionen anregt und die Problematik gesellschaftlich bewusst macht.

Abgeschlossen wird das Projekt mit dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, dem 25.11.06.

 

 

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