Widerstand und Verfolgung in Innsbruck 1938 – 1945

FacebookTwitterGoogle+WhatsAppPinterestTumblrEmailEmpfehlen

Kurzbiographien von Innsbrucker WiderstandskämpferInnen und von Opfern des NS Regimes

Im Herbst 2005 lehnt der Tiroler Landtag einen Antrag zur Aufarbeitung der Tiroler Geschichte in der NS-Zeit ab. Schon zuvor hatte der Landeshauptmann von Tirol festgestellt: „Bezüglich der angeblichen Lücken in der NS-Geschichte Tirols darf ich darauf hinweisen, dass […] zum Thema Nationalsozialismus in Tirol 220 Publikationen erschienen sind und daher die Geschichte dieser Zeit die am besten dokumentierte Epoche Tirols überhaupt ist.“

Im Frühjahr 2006 lehnt der Innsbrucker Gemeinderat einen Antrag zur Umbenennnung der Kernstockstraße (Ottokar Kernstock ist Verfasser des „Hakenkreuzliedes“) ab. Erst im Frühjahr 2007 gibt der Gemeinderat den jahrelangen Bemühungen einer Gemeinderätin nach, eine Straße in Innsbruck nach der Widerstandskämpferin Adele Obermayr zu benennen.

Der Tiroler Landeshauptmann leugnet die Mitgliedschaft seines Schwiegervaters und langjährigem Landeshauptmannes von Tirol Eduard Wallnöfner in der NSDAP und bezeichnet dessen Mitgliedskarte als Fälschung.

Im Jahr 2007 fordert derselbe die Internierung von straffälligen AsylwerberInnen: „Es muss […] möglich sein, solche Personen und auch jene, die ihre Identität nicht preisgeben wollen, zu internieren.“

Im Jänner 2008 will die für Jugend zuständige Landesrätin Erziehungslager für straffällige Jugendliche „nicht a priori ausschließen“. Auch der für Innsbruck zuständige Stadtrat fordert eine härtere Gangart.

Nein!“
Antwort der Bürgermeisterin von Innsbruck auf eine dringende Anfrage im Innsbrucker Gemeinderat vom 25.02.2008 ob zum Gedenkjahr 2008 seitens der Staddt Innsbruck irgendwelche Aktivitäten, Veranstaltungen u.a. geplant sind.

Der Ausgangspunkt
In Innsbruck wird dieses Jahr neben der Fußball Europameisterschaft, die uns Handy- und Internetüberwachung bringt, und den Tiroler Landtagswahlen im Oktober auch noch an den Anschluss Österreichs im März 1938 und der Reichspogromnacht im November des selben Jahres gedacht.

Im Jahr 1938 sprach Gauleiter Hofer von der Politik der „offenen Arme“. Gemeint war damit, dass es mehr Eintrittswillige in die NSDAP gab, als die Partei aufnehmen wollte. Hofer wollte jedoch dass sich Tirol zu einem „Mustergau des Deutschen Reiches“ entwickeln sollte und das schlug sich in den Zahlen der Mitglieder der NSDAP in Tirol wider: 1938 hatte die NSDAP in Tirol knapp 8000 Mitglieder. Im Mai 1943 sind es bei einer Bevölkerung von 360.000 bereits 73.323 Mitglieder.

Eines davon war der spätere Landeshauptmann Eduard Wallnöfner, der im Juni 1938 einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP stellte und mit 1.1.1941 mit der Mitgliedsnummer 9 566 289 aufgenommen wurde. Eine historische Tatsache, die, wie oben erwähnt im Frühjahr 2005 seinen Nachfolger und Schwiegersohn dazu brachte, die Autenzität der Mitgliedskarte anzuzweifeln.

Beim Novemberpogrom 1938 ist Innsbruck im Verhältnis zur Größe der jüdischen Gemeinde einer der blutigsten Schauplätze im ganzen Deutschen Reich. Bereits im September 1938 hatte rund ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Tirol verlassen. Nach der Einladung von Adolf Eichmann durch die Gestapo im September 1938 wurden 24 Oberhäupter jüdischer Familien in Innsbruck verhaftet.

In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 wurden in Innsbruck mindestens 25 Familien überfallen und vier Menschen ermordet. Der Reichssicherheitsdienst stellt zur Pogromnacht in Innsbruck fest: „Falls Juden bei dieser Aktion keinen Schaden erlitten haben, dürfte dies darauf zurückführen sein, dass die übersehen wurden.“

Das Projekt
In einer Zeit in der PolitikerInnen wieder die Internierung von Menschen und die Einrichtung von Erziehungslagern fordern hat das Jahr 2008 nicht nur als Gendenkjahr Aktualität. Zu befürchten ist auch, dass im Jahr der Tiroler Landtagswahlen die Gangart und der Jargon noch verschärft werden.

Das Freie Radio Innsbruck FREIRAD 105.9 wird dreißig Sendungen von jeweils vier bis fünf Minuten mit Kurzbiographien von Innsbrucker WiderstandskämpferInnen und von Opfern des NS Regimes produzieren und ausstrahlen.

Die Biographien werden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, der Jüdischen Kultusgemeinde, der Michael Gaismaier Gesellschaft und dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes erstellt und anschließend von professionellen SprecherInnen eingesprochen.

Nach einer mehrwöchigen Ankündigung durch einen Jingle erfolgt die Ausstrahlung der Sendungen während des ganzen Septembers 2008 täglich von 11:00 bis 11:06.

En bloque ausgestrahlt werden die Sendungen nochmals am 10. November 2008.

Da Gesellschaften dazu tendieren Gedenktage und -orte zu schaffen die das Gedenken ritualisieren und so Geschichte in Museen und Gedenkstätten zu entsorgen wird Erinnerung verflacht und kommerzialisiert.

Durch Rückbindung an konkrete Orts- und Familiengeschichten findet wieder eine Konkretisierung der Geschichte statt. Historisches Wissen bekommt eine sinnliche Anschauung und emotionale Qualität. Durch solch ein Wissen entsteht die Möglichkeit es auch für die Gegenwart produktiv zu nützen.

Mit dem Projekt „Widerstand und Verfolgung in Innsbruck 1938 – 1945“ will das Freie Radio Innsbruck – FREIRAD 105.9 dazu beitragen ein Geschichtsbild aufzubrechen, das unmittelbar nach 1945 aufgebaut wurde und in Tirol immer noch vorherrscht: dass sich die TirolerInnen während der Zeit des Nationalsozialismus, wie es Landeshauptmann Weißgatterer 1946 verkündete „im ununterbrochenen Freiheitskampf“ befunden hätten.

Wenn es zusätzlich gelingt durch das Erinnern an die Innsbrucker Frauen und Männer im Widerstand, sowie an die Opfer des Nationalsozialismus Verbindungen zur Gegenwart herzustellen, und so auch für den Landtagswahlkampf in der Landeshauptstadt einen gemäßigten Ton zu finden, ist dies durchaus im Sinne des Projektes.

Gefördert im Rahmen der stadt_potenziale 08 und der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung.

Liste der Portraits in der Reihenfolge der Ausstrahlung
01 – Josef Axinger
02 – Anna Bertha Königsegg
03 – Anton Mörl
04 – Carmella Flöck
05 – Adele Stürzl
06 – Adele Obermayr
07 – Egon Anton Dubsky
08 – Konrad Tiefenthaler
09 – Jakob Gapp
10 – Aloisia Margreiter
11 – Familie Turteltaub
12 – Irma Krug-Löwy
13 – Johann Schmidt
14 – Franz Reinisch
15 – Helene Delacher
16 – Maria Berger
17 – Erwin Widschwenter
18 – Franz Josef Maria Mair
19 – Hubert Mayr
20 – Heinz Mayer
21 – Rosi Hirschegger
22 – Christoph Probst
23 – Eugenia Kaser
24 – Alfred Hirsch
25 – Helena Horowitz
26 – Ilse Brüll
27 – Sidonie Adlersburg
28 – Kaufhaus Bauer & Schwarz
29 – Die sogenannte Reichskristallnacht – Der Innsbrucker Novemberpogrom Teil I
30 – Die sogenannte Reichskristallnacht – Der Innsbrucker Novemberpogrom Teil II

Alle Sendungen zum Nachhören unter
http://cba.fro.at/?s=widerstand+und+verfolgung+in+innsbruck&cat=

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.