kinovi[sie]on am 08.01.2008

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RUBLJOVKA – STRASSE ZUR GLÜCKSELIGKEIT
am 08.01.2008 um 18:50 im Leokino

Frau und Film – zwei Wörter, die aus lautlichen Gründen eine Verbindung eingehen – eine Verbindung zwar, aber leider eine einseitige, eine von Anfang an verschobene: Frau und Film bilden ein ungleiches Paar: er (der Film) zeigt – sie (die Frau: von Garbo bis Kidman) wird gezeigt. Nach wie vor, so erweckt es den Anschein, hat sich an diesem Verhältnis (aktiv/passiv) und seinen Zuschreibungen (männlich/weiblich) kaum etwas verändert. Die Filmindustrie, vor allem die Bereiche Regie und Produktion, sind weit von einer Gleichstellung der Geschlechter entfernt.

RUBLJOVKA – STRASSE ZUR GLÜCKSELIGKEIT
R: Irene Langemann
Die Rubljovo-Uspenskoe Chaussee, im russischen Volksmund verniedlichend ‚Rubljovka’ genannt, ist die am besten bewachte Straße Russlands. Ihre Lage –vom Zentrum Moskaus westwärts, direkt in das Idyll der Provinz – zog schon immer die russische Elite an: waren es vor 100 Jahren Adelige, später die kommunistische Politprominenz, so sind es heute kapitalmächtige „neue Russen“, die dort – gut abgeschottet von der ‚einheimischen’ Bevölkerung, die sich selbst das Leben in einfachen Hütten kaum mehr finanzieren kann – ihre überdimensionalen Datschen errichten. Auch der russische Präsident Vladimir Vladimirowitsch Putin hat hier ein Anwesen. Nicht erst unter ihm ist die Rubljovka zum Synonym für gesellschaftlichen Aufschwung, Reichtum und eine dekadente Lebensart geworden.
Irene Langemann – geboren in Issilkul, studierte in Moskau Germanistik und Schauspiel, sie war als Schauspielerin, Regisseurin, Theaterautorin und auch beim russischen Fernsehen als Moderatorin tätig, bevor sie 1990 nach Deutschland auswanderte – weiß, wovon sie berichtet: „Im August 2004 las ich in der russischen Zeitung Argumenty i fakty einen Bericht über die Rubljovka, wo Millionäre sich die Klinke in die Hand geben und der Wettstreit um Glamour, millionenschwere Immobilien und Luxuskarossen bizarre Ausmaße angenommen hat. In meiner Erinnerung aus den 80er Jahren war die Rubljovka eine idyllische Landstraße, […] Schon meine erste Recherchereise im Winter 2005 ergab, dass die Glitzerwelt der Neureichen sich hinter Mauern, Panzerglaslimousinen und streng bewachten, abgeriegelten Siedlungen verbirgt. Die zweispurige schmale Straße hat sich in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt.“ (Irene Langemann)
Trotzdem ist es Langemann gelungen, eine Drehgenehmigung zu erhalten und ein ungeschminktes, ungekünsteltes Portrait der „Straße zur Glückseligkeit“ zu realisieren, in dem die Armen und Reichen, Männer und Frauen, VerliererInnen und GewinnerInnen gleichermaßen zu Wort kommen. Ständige Behinderungen seitens der russischen Behörden, die mehrfache Abbrüche der Dreharbeiten, blitzschnelle Entscheidungen und Improvisationen nach sich zogen, konnten nicht verhindern, dass Langemann einen fundierten Einblick in die Vertikale der russischen Macht gibt. „Spuren der Vergangenheit und groteske Auswüchse des russischen Kapitalismus bilden hier einen bizarren Mikrokosmos, den es sonst nirgendwo im Riesenreich gibt.“ (Viennale 2007)
Die ausdrucksstarke Bildsprache – die Kamera fängt die Stimmung eines Landes mit seinen ökonomischen und sozialen Hierarchien und Gegensätzen sensibel ein – wird durch die Musik verstärkt. Die Verbindung zwischen der von Langemanns Sohn Michael komponierten Musik mit Straßengeräuschen ergibt eine Art Tonchoreographie, die als selbständiges künstlerisches Element das Dämonische, das von der „Straße zur Glückseligkeit“ ausgeht, verstärkt. Irene Langemanns Dokumentation wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a.: STANDARD-Publikumspreis – Viennale 2007; Beste Kamera – Golden Chest 2007.

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